Es ist immer wieder etwas ganz Besonderes, das Buch eines Achtklässlers in Händen zu halten, zu erleben, wie sich dieser mit einer bedeutenden Persönlichkeit auseinander gesetzt hat und neue Entdeckungen bei seinem Studium machte.

Doch was sind nun besagte Jahresarbeiten wirklich?

Wie schon der Name sagt, ist eine Jahresarbeit eine ein ganzes Schuljahr währende, selbständige Arbeit. Das Ergebnis einer langen und sehr intensiven Beschäftigung mit einem selbst gewählten Thema wird dann in Form einer schriftlichen Arbeit festgehalten. Wie ein Lehrer dies vorbereitet, geschieht auf ganz unterschiedliche Weise; manche Lehrer legen die entsprechenden Fähigkeiten schon früh an, damit die Schüler im achten Schuljahr, dem Ende ihrer Klassenlehrerzeit, einen Höhepunkt in Form einer gereiften Achtklass-Jahresarbeit darbieten können. So wird manchmal zum Beispiel schon im sechsten Schuljahr eine Wetterbeobachtung oder eine Baumbeobachtung durchs ganze Jahr gemacht.

In der zwölften Klasse folgt dann der krönende Abschluss der Schulzeit mitunter durch eine vollendete Jahresarbeit, sowohl in schriftlicher, als auch in praktischer Form.

 

An der Waldorfschule beschäftigen sich alle Schüler im Verlauf des achten Schuljahres mit der Biographie einer großen Persönlichkeit, oder seltener auch mit einem eher praktischen Thema, wie Bienen oder Heilpflanzen usw. Es entstehen oft schön gestaltete, wohldurchdachte, handgeschriebene Bücher.

Gefordert wird eine qualitativ hochwertige schriftliche Arbeit, mit Vorwort, gegliedertem Hauptteil, Nachwort und allem, was dazugehört. Wenn der schriftliche Teil vollendet ist, folgt zum Abschluss eine Präsentation der Jahresarbeiten, an welcher auch zum Thema passende, praktische Dinge vorgestellt werden.

Die Schüler arbeiten meist sehr selbständig daran und kommen nicht selten gegen Ende in Zeitnot... Doch da ich selber auch in dieser Situation war, kann ich sagen, dass ich diese Zeit keines Falls missen möchte, denn die Erfahrung ist das, was zählt, und ich habe die Erfahrung gemacht, dass es wirklich möglich ist, sich mit einem Thema mit allen Höhen und Tiefen so intensiv zu befassen und nicht irgendwann alles hinzuwerfen. Die Erfahrung ist auch, dass in dieser dichten Zeit am Schluss erst wirklich „eigene Erkenntnisse“ entstehen können.

Auf die Frage hin: „Unter welchem Gesichtspunkt hast du dir genau diese Biographie ausgewählt?“ antwortete Tobias: „Ich habe einen Film über Albert Schweitzer gesehen und der hat mich einfach so beeindruckt.“ Oft sehr naiv und unter den verschiedensten Gesichtspunkten beginnen die Schüler eine Biographie ihrer Wahl zu bearbeiten. Erst mit der zunehmend intensiveren Beschäftigung merken sie dann, was wirklich alles hinter dieser Persönlichkeit steckt.

 Ich denke jeder hat in irgendeiner Form schon die Erfahrung gemacht, dass im Leben nicht immer alles rund läuft. Als Achtklässler merkt man das besonders intensiv. Es zwickt hier und es zwickt dort. Man ist mit sich selber beschäftigt und es passt einfach gar nichts mehr. Die Beschäftigung mit einer Biographie soll die Schüler unausgesprochen erfahren lassen, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind. Man glaubt zwar häufig, dass den großen Genies und Persönlichkeiten alles in den Schoß fällt, doch mit der näheren Beschäftigung ihrer Biographie erlangt man meistens die Erkenntnis, dass auch bei diesen nichts von alleine passiert ist. In vielen Fällen stellt sich sogar heraus, dass das große Idol in seiner Jugendzeit unvorstellbar tiefe Schwierigkeiten und Abgründe erlebt und durchlitten hat.

Nach Vollendung einer solchen Arbeit ist der Schüler ein anderer. Er weiß, dass viele Menschen, die in ihrem Leben etwas erreicht haben, hart für ihr Ziel gekämpft haben, schwere Opfer dafür erbrachten, ihr Leben aufs Spiel gesetzt - und manchmal sogar dafür verloren haben.

 Unsere Lehrerin, Frau Öhler, meint dazu: „Die Schüler sind hinterher wie verwandelt. Dieser Zustand hält eine ganze Weile an.“ Manche Schüler lassen sich während der Beschäftigung mit ihrem Thema so mitreißen, dass sie sich zu unglaublichen Leistungen über die „normale Bearbeitung“ hinaus hinreißen lassen. Im vergangenen Jahr wählte Bernadette zum Beispiel die Biografie einer noch lebenden Person aus.

Mit Sabriye Tenberken, einer erblindeten Deutschen, die in Tibet unter schwersten Bedingungen ein Blindenheim errichtet hat, pflegt Bernadette einen sehr interessanten E-Mail Kontakt.

Aus dem Briefwechsel zwischen Bernadette und Sabriye Tenberken:


 Nicht jedem gelingt das so; ich selbst wollte die Verwandtschaft von Jacqueline du Pré kontaktieren und verfasste zu diesem Zweck einen englischen Brief, bekam aber nie Antwort.

Ein anderes Beispiel ist Ariadne, mittlerweile 11. Klasse, die noch heute im Nachklang ihrer Achtklass-Jahresarbeit über Heilkräuter eine rege und „professionelle Heilmittelproduktion“ betreibt, die sie bei diversen Bazaren zum Verkauf anbietet.

 

 

Die Zwölftklass-Jahresarbeit ist eigentlich der absolute Höhepunkt einer 12-jährigen Waldorfschulzeit.

Als Steigerung zur Achtklass-Jahresarbeit sollte sich der Zwölftklässler mit einem ganz frei gewählten Thema künstlerisch, handwerklich und auch theoretisch auseinander setzen. Leider wurden die Jahresarbeiten in der zwölften Klasse an unserer Schule bisher noch nicht so konsequent durchgeführt wie diese der achten Klasse, doch meist entstanden wirklich großartige Werke oder perfekt einstudierte Tänze, Kabaretts, Schauspiele, Eurythmie usw.




 Hier gab es durchaus auch Arbeiten, die Einfluss auf unsere Schule und das Schulleben haben. Ich möchte an dieser Stelle zwei Schüler besonders erwähnen, die noch weit über die Arbeit im zwölften Schuljahr hinaus damit beschäftigt waren, bzw. sind:

Noch heute ist Moritz Schmiederer ein kompetenter Ansprechpartner für Fragen und Probleme bezüglich des von ihm eingerichteten Computernetzwerks unserer Schule.


 Und Milan berichtet über den Beginn einer eigenen Webseite unserer Schule folgendes: „Es hat mich vor allem interessiert, wie so eine Homepage funktioniert. So habe ich es mir soweit selber beigebracht ... Zu dieser Zeit wurde es aktuell für Schulen, ihre Öffentlichkeitsarbeit auch übers Internet zu gestalten. So habe ich angeboten, eine solche für die Schule zu erstellen und zu führen. Es passte gut, dies als Zwölftklass-Jahresarbeit zu machen.“ Milan nahm einiges auf sich, bis schließlich eine erste richtige Homepage der Freien Waldorfschule Dachsberg im Internet zu finden war. Noch einige Jahre führte Milan diese, aktualisierte und überarbeitete sie. Es gab einige Versionen, bis er vor einigen Jahren die ganze Arbeit an Thomas Buchter, einen Schülervater, abgab.

 Manchem Schüler war die Jahresarbeit auch eine gute Vorbereitung auf sein späteres Berufsleben. Ein gutes Beispiel ist hier Stephan Stock, der heute Schauspieler ist. Er hat uns beim Jubiläumsfest 2012 in Dachsberg eine Kostprobe seiner schauspielerischen Tätigkeit geben.

.... mir selber steht die Jahresarbeit noch bevor, doch ich freue mich schon sehr auf diese Aufgabe!
Dorothea Birth

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