Thors Hammer Die Zauberflöte Sommernachtstraum Libussa
Awakenings Helena-Paris Komplex Kabale und Liebe Der Geizige

 

 Erlerntes und Erlebtes in der Öffentlichkeit zu präsentieren und darzustellen, wie es unsere Schüler beispielsweise bei Jahresfesten, Konzerten und anderen Schulveranstaltungen regelmäßig tun, das gehört durchaus zu den guten Gewohnheiten unserer Waldorfschule. Hierzu zählen vor allem auch die Klassenspiele, die zu manchen Zeiten auch mehrmals im Jahr Alt und Jung bei einem Theaterabend zusammenführen. Die Akteure sind Schüler unserer Schule, die jeder kennt... und eben darin liegt nun auch die Besonderheit: denn wie oft wurde schon darüber gestaunt, dass „Er“ oder „Sie“ so völlig anders auf der Bühne zu erleben waren, als in der alltäglichen Begegnung. Es wurden also die Vorstellungen, die sich bereits zu einem bestimmtenGesicht gebildet und gefestigt hatten,  aufgelöst, erweitert, oder auch verdichtet, in jedem Falle aber bewegt. Dies wiederum ist sehr wertvoll, wenn es darum geht, im Menschen die Wandlungsfähigkeit zu kultivieren. Hier erlösen sich Schauspieler und Zuschauer gegenseitig. Außerdem gibt es nichts Erfrischenderes als ein Laienspiel von Schülern, die sich zwanglos und unbefangen in den Ideenstrom einer Dichtung begeben und in ihre Rollen schlüpfen. Hier zählt vor allem die Bemühung, wobei besondere Leistungen vom Publikum durchaus wahrgenommen und anerkannt werden. Schließlich noch eine Merkwürdigkeit: die Rolle „passt“ fast immer! Woran das nur liegt? Und dann die Begegnungen am Rande. Alte und neue Gesichter, die Spielpausen sind erfüllt von Gespräch, von Wiedersehen und Kennenlernen.

 Der eigentliche Prozess findet jedoch hinter den Kulissen und zu einer anderen Zeit statt. Der Zuschauer erlebt mit der Aufführung nur eine Momentaufnahme einer gemeinsamen Arbeit. Der Großteil eines solchen „Gesamtkunstwerkes“ bleibt für den Zuschauer unsichtbar. Der Ausgangspunkt einer Theaterarbeit liegt zuweilen in der Erkenntnis, dass diese oder jene Schüler einer Klasse „reif sind“ für solch ein künstlerisches Projekt. Doch welches Stück ist geeignet und zu wem passt welche Rolle?

 Die Antworten darauf sind oft nur zu erfühlen ... manchmal im Experiment zu finden und zuweilen liegen sie auch auf der Hand. Dann die ersten Proben, spielerischen Bewegungsübungen, vielleicht Gymnastik oder Tanz, gefärbt von Temperament und Element. Wir üben z.B. das Gehen: fließende Bewegungen haben einen anderen Atem, als starre, windige oder hitzige ... Verträumtheit, Starrsinn, Oberflächlichkeit und Zorn finden hier erste Ausdrucksformen in der Körpersprache. Die Arbeit an der gesprochenen Sprache ist vielseitig: Artikulationsübungen, Dialoge, Lautmalereien usw. werden dabei allmählich mit passenden Gesten verbunden. Und schließlich wandeln und lösen immer neue Improvisationsübungen, die meist mit sehr viel Engagement und Phantasie ergriffen werden, die Anspannung.

Erste Lese- oder Szenenproben konfrontieren die Schüler mit der Idee ihrer Rollen und des Stückes. Wir denken nach über die Kernaussagen, über das Wesen einer Figur, einer Szene usw. und begreifen oder ergreifen dann allmählich das Wesen und den Charakter der darzustellenden Rolle. Dabei ist das  Erarbeiten einer Rolle ein permanenter Prozess. Der Darsteller kann sich nicht selbst spielen, er muss sich in einen anderen einleben, seine Bewegungen, seinen Gang nachempfinden, in seiner Sprache dessen innere Befindlichkeit durchtönen lassen und dessen Gedanken denken ... dann wird die gespielte Figur allmählich zur „Person“ (personare= durch tönen). Der Darsteller erlernt also das Gehen, Sprechen und Denken seiner Figur und muss so über sich selbst hinaus wachsen, seine persönlichen Grenzen erweitern. Der Fortgang der Arbeit erfordert von den Schülern eine zunehmende Verbindlichkeit, denn der rechtzeitig auswendig gelernte Text ist die Vor-aussetzung für die Erarbeitung der Rolle. Wer seinen Text nicht gelernt hat, behindert sich selbst und die anderen. Allgemein gilt: Das Engagement jedes Einzelnen steigert die Motivation der ganzen Truppe. Es gibt auch mehr als genug zu tun: Bühnen- und Kulissenbau, Requisiten beschaffen, Malen, Schminken und Schneidern, Einladungen, Plakate und Programmhefte gestalten ... Eventuell müssen zusätzlich Musikproben und Einzelprobentermine eingerichtet werden.

Gerade Theaterprojekte erfordern ein sehr diszipliniertes und zielorientiertes Arbeiten, sowie eine zunehmende Selbständigkeit. Sie sind aus der Sache heraus persönlichkeits- und gemeinschaftsbildend. Das ist „Schule im höheren Sinne“.

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