„WALDORFSCHULE“ – dieses Wort löst auch nach über 90 Jahren ihrer Gründung immer noch sehr unterschiedliche Vorstellungen und Reflexe aus: In meist städtisch geprägten Regionen habe ich erfahren können, dass es offensichtlich zum „Chic“ bürgerlicher Kreise gehört, sein Kind auf die Waldorfschule zu schicken, in anderen wiederum trug man das Wort “Dummenschule“ oder „weltfremde Kuschelpädagogik“ auf den Lippen, gerade so, als hätte es gewisse Untersuchungen nie gegeben, die diese Vor-Urteile längst widerlegt haben.

Weshalb, so könnte man fragen, hat sich die Waldorfbewegung bis heute nicht nur gehalten, sondern ist im Laufe vieler Jahre kontinuierlich gewachsen?

Halten wir uns vor Augen, dass auf die Jugend, selbst in den relativ stabilen Regionen Europas, gewaltige Herausforderungen warten; Spötter sprechen schon vom „Zeitalter der Krisen“: beginnend bei der Finanz- und Wirtschaftskrise über die ökologische bis hin zur Euro- oder Demokratiekrise. Mut, Ideenreichtum und Lernbereitschaft bis ins hohe Alter sind gefragt, ferner die Fähigkeit, Denkprozesse zu Ende zu führen, aus ideologischen Rastern auszubrechen. Seit Jahrzehnten wird von den Grenzen des Wachstums gesprochen, aber noch heute hört man es aus den Palästen von Wirtschaft und Politik schallen, nur Wachstum könne unser Problem lösen, um nur ein Beispiel zu nennen. Um also diese Kompetenzen zu erwerben, hilft es wenig, den Unterrichtsstoff um seiner selbst willen, den Inhalt als Mittel einer Auslese pädagogisch einzusetzen. Weshalb rücken immer mehr Bundesländer bereits wieder vom G-8 ab? Weil Eltern und Lehrer konkret an den Kindern, beziehungsweise Schülern erleben, dass sich die menschliche Reifung nicht ökonomischen Zwecken oder Standardisierungen unterordnen lässt.

Ich habe viele engagierte Staatsschulkollegen kennengelernt, die mit pädagogischem Herzblut die Entwicklung ihrer Schüler fördern wollten, aber an bürokratischen Vorgaben verzweifelten. Wenn ich auf 35 Jahre Praxis zurückblicke, dann kann ich sagen, dass z.B. die intellektuellen Fähigkeiten weniger mit intellektuellem Training gefördert werden, als vielmehr mit ganzheitlichen, will sagen: auch Herz und Willen ansprechenden, künstlerisch-praktischen Tätigkeiten oder schlichtweg einem Praktikum auf einem Bauernhof oder in einem Betrieb. Ich habe manchen Schüler erlebt, der in der neunten Klasse noch große Defizite aufwies, aber in den nächsten Jahren der Oberstufe Entwicklungsschritte nachholte, die es ihm sogar ermöglichten, einen höheren Bildungsabschluss zu erreichen. Eine soeben erschienene Studie belegt, dass z.B. der Vorsprung von Staatsschülern im Hinblick auf die Lesekompetenz von den Waldorfschülern nach einigen Jahren eingeholt wurde und dann sogar eine höhere Lesekompetenz bei diesen festgestellt werden konnte, um ein Beispiel herauszugreifen.

Was kann in diesem Zusammenhang eine kleine Schule wie unsere Besonderes bieten?

Ich habe an Schulen unterrichtet, die zwischen 250 und 900 Schüler umfassten. Ein Vorteil einer kleinenSchule fällt sofort ins Auge: Als Oberstufenlehrer kenne ich jeden Schüler der Klassen neun bis zwölf. Selbst für Schüler der Unterstufe bin ich kein Anonymus, werde gegrüßt und angesprochen. Bei einerKlassengröße, die 25 Schüler nicht überschreitet, kann ich auf jeden Schüler stärker eingehen, schneller ein Feedback geben. Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass es in einem kleinen Kollegium eher und schneller möglich ist, Projekte zu vereinbaren, auf Vereinbarungen zu reagieren. Es ist – um es in einem Bild auszudrücken – schwerer, einen großen Tanker zu einem Kurswechsel zu bringen, als ein kleines Schiff. Andererseits bleibt natürlich der große Tanker auch leichter auf Kurs als ein kleines Schiff...

Zusammenfassend kann gesagt werden: zwölf Jahre Waldorfschule sind zwölf Jahre Bildungauf allen Ebenen. Leib, Seele und Geist dürfen sich im Schutz einer Schule mit wunderbarem, genaudurchdachtem Lehrplan in Ruhe zu ihrer wahren Gestalt entwickeln. Erst am Ende dieser Zeit steht das „Sich messen“ mit den Gleichaltrigen. Unsere Schulabgänger haben in der Vergangenheit alle ihren Realschulabschluss bestanden und alle, die weiter gemacht haben, haben auch ein gutes Abitur in der Tasche. Viele unserer Ehemaligen stehen im Beruf oder lernen oder studieren den Beruf ihrer Wahl.

Ingo Bergmann
Oberstufenlehrer

^