Einleitung Handarbeit Werkunterricht
Malen und Zeichnen Eurythmie Klang- und Musik

„Musik fängt im Menschen an, das Erste ist die eigene Stille,
das In-Sich-Horchen, das Bereitsein für die Musik, das Hören.“ (Carl Orff)

„Die Stille.
Hören ist sehr schwierig.
Sehr schwierig in der Stille die Andern zu hören.“ (Luigi Nono)

 Das Gehör ist in unserer heutigen Gesellschaft stark beansprucht. In den Städten ist es besonders deutlich: ständig und überall begegnet uns Musik: sei es im Kaufhaus, im Restaurant, auf der Straße, durch Lautsprecher, durch Kopfhörer. Während der Arbeit läuft Musik. Beim Autofahren hören wir Radio. Zuhause geht’s meist weiter mit Radio und Fernsehen. Meist läuft es nebenher, parallel zu dem, womit wir in erster Linie gerade beschäftigt sind. Das ist Normalität, Selbstverständlichkeit geworden. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass allgemein die Fähigkeit des Hörens stark zurückgegangen ist. Wir alle wissen das vom Zuhören: wie schwer ein aufmerksames Zuhören in Gesprächen ist. Immer wieder kommt es zu zwischenmenschlichen Missverständnissen, die auch darauf zurückzuführen sind, dass wir dem anderen nicht richtig zugehört haben. Deutlich wird das, wenn man versucht, wiederzugeben, was der andere gesagt hat.

Aber nicht nur dieses inhaltliche Hören, das Zuhören bei Gesprächen meine ich. Sind Sie schon einmal allein spazieren gegangen, haben alle Gedanken und Vorstellungen, die auf einen einstürmen, die einen beschäftigen, beiseite gelassen, und haben einfach nur wahrgenommen, was sich dem Gehör offenbart. Wer es nicht schon einmal gemacht hat, sollte sich das unbedingt gönnen: Einen Spaziergang allein, die Gedanken beiseite lassen, auch das Sehen reduzieren, indem wir ihm kaum noch Aufmerksamkeit schenken und: nur lauschen. Auf alles, was zu hören ist.

Und auch hier: nicht denken, was wir da hören, nicht das Gehörte sogleich bestimmen, einordnen. Das ist dann meist schon mit einer Bildvorstellung verbunden, also wieder mehr beim Sehen. Sondern einfach die verschiedensten Geräusche anhören. Das ist ungeheuer wohltuend! Das ist eine äußerst effiziente Selbsthilfemaßnahme in Stresssituationen oder sonstiger psychischer Beanspruchung. Probieren Sie das mal aus! Es reicht auch, wenn man nur den kurzen Weg vom Auto auf dem Parkplatz ins Haus dafür nimmt. Das kann zu einer enormen Kraftquelle für den Tag werden.

Worauf es mir aber jetzt ankommt, ist festzustellen, dass ein bewusstes, aufmerksames Hören etwas ist, was heute kaum noch ausgeübt wird, geschweige denn geübt wird. Merkwürdigerweise auch da, wo es um Musik geht. Wir haben einen starken Musikkonsum, bei dem wir jedoch im Hören eher passiv bleiben, uns beschallen, berauschen lassen.

 Oder wir machen selbst Töne, Musik, produzieren also, was meist auch nicht selbstverständlich mit einem aktiven Hören einhergeht. Auch im Musikunterricht vielerorts ist das Ausbilden des Hörens keineswegs zentrales Anliegen. Musik aber fängt da an, wo sich das Musikmachen und das gleichzeitige, aufmerksame Hören begegnen. Das hängt auch noch mit etwas anderem zusammen. Gute Musiker wissen nämlich, dass Musik etwas ist, das empfangen wird, während ich es hervorbringe. Und diese Empfangsbereitschaft als Fähigkeit hängt eben mit der Qualität des Hörens zusammen. So ist es das Anliegen des Musikunterrichts der unteren Klassen an der Waldorfschule, ein aktives, aufmerksames Hören zu ermöglichen, Wert auf das Lauschen zu legen, Anwalt des Hörens zu werden. Dafür gibt es verschiedene mögliche Herangehensweisen. Eine davon sind die Klanginstrumente, die von Manfred Bleffert seit den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts in Heiligenberg am Bodensee entwickelt wurden und inzwischen von einer Reihe von Schülern Blefferts in aller Welt hergestellt und weiterentwickelt werden.

 Das sind Instrumente, die aus verschiedenen Metallen aufwendig geschmiedet werden. In langen Prozessen wird versucht, einen idealen umfassenden Klang den Materialien zu entlocken. Einige werden kalt geschmiedet, andere immer wieder in die Glut gelegt. Es gibt Klangstäbe aus Kupfer, Bronze, Eisen. Es gibt Gongs, Tamtams, Klangplatten, Zymbeln, Triangeln usw. Allen diesen Instrumenten ist gemeinsam, dass sie ganz ungewohnte Klänge entstehen lassen, die sehr obertonreich sind, und besonders lange nachklingen. Und dieses Nachklingen ist unter anderem auch der Grund dafür, dass sie den Zuhörenden fast von alleine in ein aktives Nachlauschen führen.

Auszug aus der Ansprache vom Klangraumkonzert 2012
von Ates Baydur

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