Die Waldorfpädagogik ist tief christlich (nicht konfessionell!) durchdrungen. Daher haben in ihrer Praxis die christlichen Jahresfeste eine große Bedeutung.

Unsere Kindergärten und Schule pflegen seit ihrer Gründung diese Feste, so dass sie heute schon auf eine gute eigene Tradition zurückblicken können. An dieser Stelle können sicher nicht alle Details aufgeführt werden. Ich möchte jedoch versuchen, etwas von der Stimmung eines jeden Festes hier „einzufangen“. Hierbei möchte ich dem Schuljahr folgend vorgehen.

Sankt Michael, in der christlichen Tradition bekannt als Seelenwäger, aber auch als Drachenkämpfer mit dem Schwert, ist dem allgemeinen Bewusstsein etwas entfallen. Sein Sieg über den Drachen kann uns immer wieder den Mut geben, selbst den Kampf gegen den inneren Drachen aufzunehmen. Gerade in der Herbsteszeit, wenn die Tage wieder kürzer werden, kann er für uns als Licht- und Mutbringer hilfreich sein. An unserer Schule wird dem Mut-Aspekt besondere Bedeutung beigemessen. Unser Michaelifest besteht aus Mutproben vielfältigster Art, die die Schüler im weitläufigen Naturgelände bestehen dürfen. Die jüngeren Schüler feiern, beweisen ihren Mut, klettern am Felsen, vertrauen sich im Sprung einem Seil an, überqueren auf dünnem Balken den Teich und vieles mehr, während die Großen ihren Beitrag in der Vorbereitung und Durchführung der verschiedenen Stationen geben.

Als Wissender begegnet Sankt Nikolaus den Kindern. Er kommt als Bote der Himmlischen Gottesmutter, als Mittler zwischen den Reichen. Nicht der Mahner und Strafer soll unsere Kinder verunsichern, der Wisser und Erinnerer gibt den Kindern die Sicherheit, Teil eines Großen und Ganzen zu sein, er gibt ihnen die Sicherheit, dass die Welt weiterhin in den rechten Bahnen geht. Er weiß über die Kinder Bescheid. Den Schulkindern bringt er seinen dunklen Gesellen, den Knecht Ruprecht mit. Wie ein großes Vorbild für die Kinder hält Sankt Nikolaus diese dunklen Kräfte, die ihn stets begleiten, die in Wirklichkeit Teil von ihm selbst sind, immer im Zaum.

Es gibt viele Wege, sich auf Weihnachten vorzubereiten. Je jünger das Kind ist, desto wichtiger ist es fürdas Kind, tätig in das Geschehen einzutauchen, denn das Kind verbindet sich vornehmlich durch die Tätigkeit mit den geistigen Hintergründen unserer Welt. Darum bereiten wir uns mit den jüngeren Kindern gerne mit einem Krippenspiel auf Weihnachten vor. Das tägliche Singen von Weihnachtsliedern, oder das morgendliche Rezitieren eines weihnachtlichen Spruches hilft den Größeren und uns allen, in eine feierliche vorweihnachtliche Stimmung zu kommen.

Zu Martini werden die empfangenen Licht- und Mut-Kräfte verinnerlicht. Ist Sankt Michael unser „Himmlischer Held“, so nehmen wir uns am Menschen Sankt Martin ein Vorbild, wie wir diese innere Kraft selbstlos weiterschenken können. In der vom Laternenlicht nur leicht durchbrochenen Finsternis unseres „Thingplatzes“ begegnet uns nur schemenhaft Sankt Martin, dessen goldener Helm hie und da im schwachen Lichtschein aufblitzt. Er hinterlässt uns einen Sack mit Brötchen, die nur geteilt gegessen werden, im Gedenken an Sankt Martins Mantelteilung.

Es wird Winter, die Dunkelheit nimmt immer mehr zu. Wollen wir der Dunkelheit nicht verfallen, so sind wir aufgefordert, das in uns entzündete innere Licht zu vermehren und zu stärken. Unseren Kindern können wir besonders dadurch helfen, dass wir ihnen aussagekräftige Symbolbilder geben, dass wir sie - äußerlich tätig - diesen innerlichen Prozess bildhaft vollziehen lassen. Waren zu Martini die Kerzen tief verborgen im Innern der Laterne, so wird am ersten Advent ein heller offener Lichterweg für das heranna-hende Christkind bereitet. Jedes Kind trägt seine Kerze auf diesem Weg ins Innere der Spirale und zündet sie an der großen Kerze an. Das brennende Licht wird auf der Spirale abgestellt. So wird der Weg nach und nach von innen nach außen erhellt. Ein stiller, inniger Vorgang, begleitet von Gesang und Musik.

Die Hirtengeschichte zu Weihnachten und die Dreikönigsgeschichte zu Dreikönig sind zwei grundlegend verschiedene Seiten eines Vorganges. Opferten zu Weihnachten die Hirten einen Teil des Wenigen, was sie besaßen, und teilten so ihre eigene Armut mit der Armut des Christkindes, so haben wir es zu Dreikönig mit den weisen Königen zu tun, deren Gaben eher symbolischen Wert besitzen. Gelingt es uns, in den allgemeinen Vorbereitungen auf die ländliche, alemannische Fasnet, diesem stillen Dreikönigsfest noch gebührenden Wert zu verleihen, so können wir, natürlich besonders bei den Kleineren, eine außergewöhnliche Innigkeit und Zuwendung zu einem Geschehen feststellen, das menschheitlich von großer Bedeutung ist. Im Kindergarten, wie auch manchmal in den unteren Klassen, spielen wir täglich das „Dreikönigsspiel“ als Reigen.

Kinder in eine im christlichen Sinne österliche Stimmung zu versetzen, ist wirklich nicht einfach. Leben wir in der Adventszeit vier Wochen in vorweihnachtlicher Stimmung auf das große Fest hin, so geht das zu Ostern gar nicht, da die Wochen vor Ostern in Form von Fastenzeit und Karwoche uns in unserer Stimmung ganz nach innen führen. Trauer, Schwere, Entsagung, Besinnung auf das Wesentliche prägen diese Zeit. Ostern, der Umbruch, der Durchbruch zum Licht findet dann in den Ferien statt. Was können wir da vorbereitend und nachbereitend in Schule und Kindergarten wirklich Österliches mit den Kindern tun?

Da gibt es den Brauch, Ostergras zu säen. Warum? Der Same, der in sich die Anlage zur ganzen Pflanze trägt, opfert im Keimvorgang seine eigene Gestalt, um der neuen Pflanze die Entstehung zu ermöglichen. Auch hier müssen wir aufpassen, dass wir, wenn wir die Wirkung der Symbolkraft ernst nehmen, nicht für uns, sondern für die Kinder handeln, dass wir an die Kontinuität des Kindes zwischen Kindergarten und Familie anschließen und so das in Schule oder Kindergarten angelegte Bild für eine Fortsetzung im Häuslichen anlegen. Im Kindergarten wähle ich den Roggen als Getreide, da seine Keime blutrot sind. Dem Bild von Opfer und Auferstehung mischt sich dann noch das Bild von der blutigen Lanze bei. Zu Hause, an Ostern ist das Gras dann frisch grün.

Nach Ostern kann dann der vierzig Tage, die der Auferstandene noch auf der Erde weilte, gedacht werden, indem jeden Tag ein Ei bemalt und an einen frisch grünen „Osterbaum“ gehängt wird. All das Hintergründige wird niemals mit den Kindern besprochen. Das Wissen um den Hintergrund eines Bildes holt die Bedeutung an die Oberfläche des Bewusstseins, was für uns Erwachsene sehr wichtig ist. Dem Kind jedoch nimmt es die Wirkungskraft des Bildes, die sich ihm noch tief unbewusst ins Leibliche einprägt.

Noch schwieriger als das Osterfest ist das Pfingstfest zu erfassen und zu gestalten. Die zwölf Jünger durften den Heiligen Geist empfangen und wurden dadurch befähigt, im Sinne Christi für die Menschheit zu wirken. Es gibt Märchen, in welchen der Held die Fähigkeit bekommt, alle Sprachen, auch die der Tiere, zu verstehen.

Ein solches Märchen kann den Kindern ahnungsweise einen Zugang zu Pfingsten vermitteln. Die Zwölfheit der Jünger kann auch durch zwölf Kerzen, die auf dem Jahreszeitentisch angezündet werden, symbolisiert werden.

„Geh aus mein Herz und suche Freud
in dieser schönen Sommerszeit“

Zu Johanni, der Sommersonnwende, hat die Erde am meisten ausgeatmet. Beim symbolischen Johannifeuer werden unsere Wünsche, verpackt in Bilder, Briefe, selbst gemachte Strohpuppen oder auch unsere Gedanken, mit den wirbelnden Feuerfunken hoch in den Himmel geschickt.Das heißt, die Bewegung geht noch mehr nach draußen, bevor nach der Sommersonnwende dieses Ausatmen der Erde sich umkehrt in ein erneutes Einatmen. Ist das Feuer dann heruntergebrannt, dürfen die Kinder mutig über die noch leicht brennende Glut springen. Mit dem Ausruf: „Ich spring übers Feuer und werde ein Neuer!“ entrinnen sie, wie ein Phönix, dem Feuer.

 Diesem kraftspendenden und doch ausgelassenen Fest geht ein Spiel vom „Treuen Johannes“ voraus. Die Dritt-Viertklässlerdürfen meist dieses Spiel gestalten. Die innerliche Verbindung mit der Unausweichlichkeit des Schicksals ist für die Kinder in hohem Maß Moral bildend. Wenn der treue Johannes von den Raben erfährt, dass er, wie auch immer er handelt, sich oder seinen Schützling opfern muss, dass einzig und allein das uneingeschränkte Vertrauen seinesSchützlings (des Anderen!) ihn retten kann, hilft ihm nur noch die uneingeschränkte Treue zum Anderen.

So rundet sich das Jahr und das immer wiederkehrende Feiern der Feste wird für die Kinder zu einem sicheren Wegweiser durch den Jahreslauf.

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